Ich wollte schon als Kind einen Fernsehsender machen

Interview zu einfallsreich.tv

am 12.06.2008

Frage: Worum geht es im Angebot von einfallsreich.tv? Was ist daran neu oder einzigartig?

Nach der ersten Phase des Ausprobierens nach dem Motto „Jeder kann Sender Sein, die 3 Monate umfasste, haben wir sehr früh und gegen den Trend längere, und mit ernsthaftem Content gefüllte Beiträge, produziert. Zu einer Zeit, da vor allem lustige Kurzclips in aller Munde waren. Mit der Entscheidung von Angela Merkel, das Medium Podcast zu nutzen, hat dieses enorm an Bekanntheit zugenommen. Zumindest in der Bevölkerung ab 30. Das war direkt in Gesprächen, z. B. mit Entscheidungsträgern, zu spüren. Genau das strategische Vorgehen von einfallsreich.tv hat einige der großen Verlage auf uns aufmerksam werden lassen. Auch wenn daraus kaum ein Projekt entstand.

Wiederum gegen den Trend haben wir stets die Zukunft im Zusammenfließen von Internet und TV gesehen, das Podcastwesen nur als Übergang. Die Fragestellung, welchen Nutzen dieses Projekt für Unternehmen und Institutionen haben und wie daraus Gewinn generiert werden kann. In einer Zeit, Ende 2006 – Medienforum NRW bis ca. Mitte 2007 – Podcastday 2007, in der ein unternehmerisches Denken von der Podcastszene abgelehnt wurde und man Wert auf eine Abgrenzung privater von corporate podcasts legte. Wir haben schon in dieser Zeit nicht mehr den Begriff Podcast genutzt.

Der Abgesang begann dann mit dem Podcastday 2007 und letztendlich mit der ausgefallenen Verleihung des Podcastaward 2008 und dem Einstellen sowohl des Podcastverbandes als auch des Podcastclubs. Alle noch aktiven privaten Podcaster arbeiten mittlerweile an kommerziellen Projekten. Die Landschaft der Podcaster, schaut man etwa in iTunes, hat sich stark gewandelt: Die Vorherrschaft der traditionellen Medienhäuser und Verlage ist deutlich zu sehen. einfallsreich.tv konnte sich in diesem Umfeld behaupten. Heute steht z. B. das Kunst-Format im Umfeld der Tate_Gallery, Moma, FAZ, u. ä. Unser Augenmerk lag von Anfang an auf der Produktion von Content. Dies hat sich strategisch als richtig erwiesen, da guter Content kontinuierlich, d. h. durch alle technischen Phasen hindurch, nachgefragt wird. Zusätzlich kann Content ein Verbindungsglied zwischen einem Projekt wie einfallsreich.tv und einem Verlag sein, trotz eines sich stark unterscheidenden Budgeteinsatzes. Ein weiterer Vorteil der Konzentration auf Contenterstellung ist der geringe Investitionsbedarf für Marketingmaßnahmen. einfallsreich.tv muß kein zweites YouTube werden. Unser Content kann auf jeder Plattform einbunden werden und deren Angebot attraktiv gestalten. Es ist für uns als Contentproduzent egal, wo die Views entstehen.

Frage: Welchen Content produziert einfallsreich.tv?

Da ist als erstes das Kunst-Format als das Älteste zu nennen: die einzige deutschsprachige O-Ton-Reportage, die als Dokumentationsformat angelegt ist. Sie unterscheidet sich deutlich von gängigen Kultursendungen der traditionellen Sender. Human touch ohne yellow-Press-Charakter. Weder Sendung für eine Kulturelite, noch Home story für Otto Normalbürger. Keine Fremdwörter, keine unerklärten Bezüge zur Kunstgeschichte. Für art.de zu wenig Hochglanz, für bild.de zu feinsinnig. Ein Format, das zu einem Künstler kommt, in ihm den Menschen trifft – bevor jemand merkt, dass es um Kunst geht.

Alle Formate werden von uns so konzipiert, dass sie eine Lücke füllen. In eine Kerbe schlagen, die noch unausgefüllt ist, oder von anderen übergangen wurde. Z. B. das Autotestformat besser wie zu fuss - bwzf: Das einzige, was die Moderatorin mitbringt, ist ein gültiger Führerschein. Nicht technische Daten oder quietschende Reifen stehen hier im Vordergrund. Sondern Themen, die in einem größeren Raum die Frage nach Mobilität stellen. Themen wie z. B. „zu Fuß gehen“ tauchen in keiner mir bekannten Sendung dieses Typs auf.

Frage: Wie sieht das Marktumfeld aus?

Es handelt sich bei unserem Ansatz um ein neues Arbeitsfeld, es gibt kein vergleichbares unternehmerisches Umfeld, keine Erfahrungswerte, keine Umsatzzahlen.

Frage: Welche Strategie war in den letzten Jahren unternehmerisch erkennbar?

einfallsreich hat drei Arbeitsfelder: Print- und Screendesign, Internetdienstleistungen und Film. Unser strategisches Ziel ist es, uns als Contentanbieter im Internet-TV- bzw. TV-Markt zu etablieren.

Frage: Gab es besondere positive, motivierende Ereignisse in der Unternehmensgeschichte?

Da ist vor allem die Auszeichnung mit dem iF Communication Design Award in Gold zu nennen, die wir 2006 für die Ausstellung „so geht katholisch“ erhielten, aber auch die Nominierung für den Deutschen Designpreis 2008, wenn diese auch nicht zu einem Preis führte.

Frage: Heben Sie eine politische Orientierung des Unternehmens hervor? Wenn ja, welche?

Eine liberal werteorientierte Ausrichtung, ohne parteipolitisch in Erscheinung zu treten.

Frage: Mit welchen Netzwerken oder Communities arbeiten Sie?

Ich selbst nutze erst seit kurzem Social-Community-Netzwerke. Im Mittelpunkt steht da natürlich Xing. Ich würde aber nicht von „gefallen mir“ sprechen. Ich würde mich eher als ein nicht ausgeprägter Community-Nutzer bezeichnen. Sevenload V3 wird sich bestimmt zu einer interessanten, videoorientierten Community-Oberfläche entwickeln.

Frage: Welche Bedeutung haben die Nutzerzahlen, die Video-Views für Sie? Sagen die Zahlen konkret etwas über den Erfolg des Einsatzes von Videos aus?

Video Views muss man sehr differenziert bewerten. Eine rein quantitative Betrachtung bringt nicht unbedingt weiter. Aber natürlich sind sie die Grundlage für eine generelle Einschätzung, ob der Einsatz von Video überhaupt ein lohnendes Projekt darstellt.

Ein paar Zahlen: 2006 haben wir mit 70 Beiträgen 50.000 Views generiert. 2007 mit 39 Beiträgen 325.000, 2008 mit 3 Beiträge in den ersten zwei Monaten 50.000 Views. Alleine das Kunst-Format hat pro Monat rund 500.000 RSS-Feed-Abrufe. Wir unterscheiden zwischen den einzelnen Zahlen auf verschiedenen Plattformen. Für den Bereich bizness gelten noch andere Regeln. Hier ist eher der Einsatz als Vertriebsinstrument entscheidend, weniger die Bewertung der Abrufe auf Plattformen wie YouTube oder Clipfish. Entscheidend ist für uns die Progression der Zahlen und der Long-Tail-Effekt, die stetige Abrufzahl, ohne das wir einen neuen Beitrag produziert haben.


Frage: Welchen Stellenwert hat Benutzerfreundlichkeit für Sie?

Einen sehr hohen. Das Abspielen von Videos im Internet hat noch zu viele Hürden. Erst wenn die Technologien verschmelzen hin zum Fernsehkasten im Wohnzimmer, der durch einen Knopf zu starten ist, wird ein wichtiges Ziel erreicht sein. Die Steuerung über Set-Up-Boxen oder RSS-Feed fähige TV-Geräte muss muss für den Nutzer kinderleicht sein.

Frage: Welche Web 2.0 Applications (RSS-Feed o. ä.) nutzen Ihre User bzw. welche Nutzerdaten erheben Sie?

Natürlich die RSS-Feed-Abfrage - iTunes hier eingeschlossen, dann die Abrufe auf den Video-Plattformen.

Frage: Welchen Stellenwert hat der Begriff „Infotainment“ - Information bei gleichzeitiger Unterhaltung - für einfallsreich.tv?

Einen großen. Nichts geht mehr ohne eine Prise Entertainment. Niemand will Sendungen wie das alte Bildungsfernsehen der 70er Jahre sehen müssen. Ohne eine Bühne im Gepäck kommt kein Angebot mehr aus. Dabei braucht es aber nicht die große Zirkusnummer. Es reicht oft auch ein Tempowechsel im Gespräch oder Bilder aus dem bekannten Alltagsleben, um Inhalte verstehbar zu machen. Emotionen oder Empathie in Bezug auf einen Inhalt sind wichtige Elemente eines Beitrages.

Frage: Neben Kultur, Qualität und Anspruch: welche ethischen Kriterien sind Ihnen wichtig?

Die Perspektive der „Armlänge“. Genauer: die Werteorientierung auf Armlänge mit der Fähigkeit, über den Tellerrand hinausschauen zu können. Und das möglichst gleichzeitig. Zuhören. Die Bereitschaft zur emotionalen und geistigen Arbeit. Bewegung. Die Einsicht, dass etwas Mühe kostet. Sich einer Aufgabe stellen. Mit Verantwortung handeln. Und: auch wenn ich selbst Geld zum Leben brauche, wünsche ich mir mehr eine Orientierung, die nicht nur Geld im Blickfeld hat. Mehr Mut zu guten Taten. Auch wenn es hier nach Pfadfinderkindern klingt.

Frage: Prof. George Frank bezeichnet bspw. Burda als ein Haus, in dem eine „Ökonomie der Aufmerksamkeit“ betrieben wird: der Gewinn an Beachtung steht vor dem Profit. Promis werden benutzt, um Aufmerksamkeit zu erzielen, was viel Geld kostet. Wie verhält sich dieser Aspekt für etv? Welche Hubs lassen sich für einfallsreich.tv nutzen?


Hubs sind von entscheidender Bedeutung. Das Gesamtangebot muss geordnet, gegliedert und auffindbar sein. Und zwar an den Stellen, wo sich die interessierten Zielgruppen aufhalten. Diese Funktion übernehmen Hubs wie Sevenload, t-online.de, iTunes etc. Ich halte den Nutzen einer „Promikampagne“ für überbewertet. Sie dient oftmals eher dem Selbstschmuck. Höher zu bewerten ist Authentizität oder der „Rat der Freundin“. Unternehmen in unserem Kundenumfeld haben meistens ein wirklich gutes Produkt. Sie benötigen aber Unterstützung, dies zu kommunizieren. Über Werbung zu kommunizieren, erweist sich nicht als zielführend. Wichtiger und damit glaubwürdiger sind die Möglichkeiten, die gute Arbeit mit dem Kunden darstellen zu können. Der Kunde als Testimonial. Diese „Infrastruktur“ dem Kunden aufzubauen, ist eine zentrale Aufgabe von einfallsreich.tv.

Die meisten Unternehmen orientieren sich in ihrer externen Kommunikation an werbliche Bilder und Sprachmuster. Aber heute gilt es nicht – wie im klassischen Sinne die Aufgabe einer Werbeagentur aussah –, die Arbeit des Kunden in werbliche Sprache und Bilder zu übersetzen oder zu transformieren, sondern im Gegenteil: Inhalt und Form müssen den maximalen Echtheitscharakter zum Ausdruck bringen. Letztendlich ist die Werbung wieder auf der Tupperparty angekommen.

Frage: Während die Nutzungsdauer des TV bei Jugendlichen abnimmt, nimmt sie beim Internet zu. Google hat gezeigt, dass sich Internet-Werbung lohnt und dass damit sogar mehr Nutzer erreicht werden können als im TV. Verlockend. Wie stehen Sie diesem Aspekt gegenüber?

Wir sehen ein Konvergenz zwischen Internet und TV-Gerät. Die Vermarktungsstrukturen der Mediaagenturen werden ihr Arbeitsfeld erweitern und der Kuchen wird sich dann zwischen klassischen TV Angeboten und neuen, aus dem Internet entsprungenen Projekten aufteilen. Das bedeutet gleichzeitig, dass Einnahmen aus dem klassischen Fernsehen abfließen werden. Eine erste Verschmelzung dieser Medialeistung wird Sevenload Ende 2008 auf die Beine stellen. Erfassung, Acquise, Abrechnung, PR-Arbeit wird bei Sevenload gebündelt. Und es ist nicht anzunehmen, dass irgendeine Mediaagentur denen das Feld alleine überlassen wird.

Frage: Spiegel-Wissen und etwa das Google Bibliothekprojekt werden die Nutzung von Archiven und Bibliotheken langfristig verändern. Inhalte werden kostenfrei zur Verfügung gestellt (versus paid content). Was bedeutet das für einfallsreich.tv?

Wir haben seit je her auf kostenfreies Sehen gesetzt. Zum jetzigen Stand der Entwicklung stehen wir dem paid content skeptisch gegenüber. Der Produzent oder mehrere Kooperationspartner tragen die Kosten der Produktion. Das ist das Modell, mit dem wir bereits heute unsere Einnahmen erwirtschaften. Daneben wird die Werbung auf den Plattformen in Form von Bannern und von den Beiträgen vorgeschalteten Spots eine Rolle spielen.

Frage: Mit „fast-selbstkritischen“ Beiträgen auf ihrer Webseite – z. B. folgendes Zitat „... wir können uns verkrampft zusammensetzen und über unser Entrepreneursleben philosophieren ...“ - werben Sie in eigener Sache für eine andere Sicht auf die Dinge, z. B. auf die Welt für kommende Generationen. Sie sagen, „Austausch und Wissen bringen weiter. Schaffen auch ökonomische Strukturen. Ihr werdet sehen!“ Erreichen Sie damit Ihre Kunden und Nutzer? Gibt es ein Manifest, wie etwa bei utopia.de? Ich schätze Sie so ein, dass sie am liebsten mehr auf die „Kacke hauen würden“. Wann tun Sie es? Was braucht es dafür?

Dieser Eindruck entsteht, da wir oft gegen ein Sicht anzukämpfen haben, die uns in den Topf der VC-finanzierten Projekte stopfen, mit der Zielsetzung, durch Verkauf ordentlich Kasse zu machen. Auf verschiedenen „Szene-“Treffen ordnen viele einfallsreich.tv in ein Raster ein, dass so gar nicht mit dem übereinstimmt, was einfallsreich.tv tatsächlich ist. Dass wir früher offensiv in der Szene davon gesprochen haben, Geld verdienen zu wollen, dass wir relativ umfangreiche Produktionen gemacht haben und weniger Videoblogbeiträge – uns wurde z. B. vorgeworfen, dass wir keine Blogger seien –, also so richtig passen wir in kein Raster hinein. Wir reihen uns auch nicht in die elegischen Ausführungen eines Entrepreneurslebens ein. Betreiben kein Kongress-Hopping.

Die Sache ist viel einfacher: Wir arbeiten und versuchen, damit Geld zu verdienen. Wir wollen zusätzlich nicht komplexe Vernebelungszenarien aufbauen und Werbung betreiben, wir wollen eher Nutzen verbreiten. Ich will selbst meine Zeit nicht mit Unsinn verschwenden. D. h. ich habe keine Lust, mir irgendwelche Werbebotschaften anzuschauen. Ich möchte aber doch über die Möglichkeiten von Solarenergie auf meinem Hausdach informiert sein. Dazu brauchen wir auch kein umfangreiches Manifest. Ich würde uns eher als bodenständig bezeichnen, verankert im Heute mit allen Anforderungen, die Gesellschaft und Umwelt so mit sich bringen. Wir fahren Auto - ich bin ideologisch nicht gegen das Auto fahren -, aber ich frage schon: Was bedeutet Auto fahren heute? Ich denke auch, dass wir überlegen müssen, ob die Welt jedes Produkt braucht?

Die Zukunft wird der Information, dem Wissen gehören, nicht der Werbung. Wirtschaft wird sich danach ordnen. In Süditalien gibt es schon Produkte, die gesondert als frei von Mafiageld gekennzeichnet sind. Die Leute greifen dann lieber zu diesen Produkten. Das ist Versorgung mit Lebensmitteln und ein klares Statement gleichzeitig. Produkte und Handlungen werden zunehmend aufgeladen sein oder zu sein haben.

Frage: Planbaren Projekten stehen experimentelle gegenüber. Wie hoch sind die Anteile bei einfallsreich.tv, gibt es einen Trend?

Jeder Fortschritt braucht Experiment. Experimente ermöglichen Erfahrung. Erfahrung und Denken bieten weitere Möglichkeiten. Mit den Erfahrungswerten geht der Trend natürlich zu planbaren Projekten. Dort, wo Zahlen und Erfahrungen vorliegen, können wir dem Kunden schnell und fundiert präsentieren, was ihm das bringen wird. Dieser Teil formt sich immer mehr zu einem strukturierten Vorgehen. Man kann sozusagen Schubladen aufbauen. Daneben werden wir aber auch den experimentellen Bereich verstärken. Wir müssen noch viel mehr Formate testen. Manchmal ergeben sich einfach neue Themen, die plötzlich im Fokus stehen. Wie etwa das Thema Wein. Im Moment führen wir gerade intensive Gespräche, in denen Vertriebsfragen im Mittelpunkt stehen. Dort, wo der Aufbaue einer authentischen Kommunikationsstruktur gefragt ist. Und das sind mehrheitlich regionale Unternehmen. Also nicht global agierende Firmen.

Noch vor nicht so langer Zeit lautete ein Totschlagargument, dass das Internet lokal keine Rolle spielt. Was natürlich nicht stimmt. Unsere Erfahrung hat gezeigt, und das können wir belegen, dass zwar global geguckt und gelesen wird, aber dennoch lokal gehandelt. Also: jemand liest etwas über Wiesbaden in Hamburg, erinnert sich daran aber, wenn er nach Wiesbaden kommt. Man muss diese Armlängen herstellen. Man muss sich ein Bild machen können, egal wo man ist.

Frage: Selbstbestimmung und Interaktivität zeichnen das Web 2.0 aus. Wie werten sie diese Aspekte für einfallsreich.tv?

Im gewissen Sinn stimmt das natürlich. Wir haben nicht den strategisch vorteilhaften Umstand, dass es neben uns nichts anderes gibt im Internet. Beim Fernsehprogramm wird schon mal das geguckt, was es gibt, auch wenn es einem nicht gefällt. Bei uns wird einfach weg geklickt. Wir können auch nicht einfach Behauptungen aufstellen. Aber ich bewerte dies als gute Entwicklung. Die Möglichkeit, mich umzuschauen, wo ich will, ist sehr gut. Die Interaktivität würde ich nicht überbewerten. Ich, denke vielen reicht die Möglichkeit aus, dies tun zu können, wenn sie wollten, sie tun es aber doch nicht. Die Frage wird auch sein, wie z. B. große Verlagshäuser damit umgehen. Die Süddeutsche hat ihre Kommentarfunktion zeitlich auf Bürozeiten beschränkt, damit diese bearbeitet werden kann. Auch solche Strukturen werden sich verändern. Früher konnte man einen Leserbrief abdrucken oder nicht. Heute bekommt eine Zeitung evtl. 200 Einträge, die gemanagt werden müssen.

Frage: Welche aktuellen Entwicklungen auf dem Medienmarkt beeinflussen Ihre Entscheidungen hinsichtlich einfallsreich.tv? Lässt sich daraus evtl. ein Alleinstellungsmerkmal ableiten oder besteht es alleine aufgrund Ihrer Themenbesetzung?

Das Internet sortiert sich in Social Communities. Die schon genannte Hub-Funktion wird von entscheidender Bedeutung werden. Diese versuchen wir zu nutzen. Ausgewählt zu nutzen. Sevenload wird dabei zukünftig für uns eine größere Rolle spielen, gerade auch durch die Kooperation mit t-online.de. Aber auch Set-Up-Boxen, wie DivX Connected oder Apple-TV, werden eine wichtige Plattform sein. Auch hier muß jede auf ihren Nutzen für uns geprüft werden. Sevenload wird eine Vermarktungsstruktur aufbauen, von der wir direkt Einnahmen erzielen werden (clicks per view): Gekoppelt mit den vom Auftraggeber beglichenen Produktionskosten bilden sich zukünftig zwei revenue streams heraus. DivX Connected wird erstmal nur der Reichweitengenerierung dienen. Dort, wie auch bei iTunes, wird es in absehbarer Zeit kein automatisiertes Verfahren zur Abrechnung und Schaltung von Werbung geben. Diese Hubs werden abweichende Aufgaben übernehmen. Das wir mit einfallsreich.tv auf wichtigen Hubs platziert sind, ist natürlich ein wichtiges Argument für die Kundenacquise.

Frage: Wohin führt die Entwicklung des Web 2.0 Ihrer Ansicht nach? Ihre geplante Positionierung?

Web 2.0 wird mit Sicherheit zu Web 3.0 führen. Nur: was das ist, weiß noch keiner so recht. Die Konvergenz zwischen Internet und TV-Gerät wird voranschreiten. Es wird neue Sortierungsmodelle geben, es wird Abrechnungsmodelle für Werbung geben, und die Nutzerzahlen in diesem Bereich werden noch steigen. Es wird intelligentere TV Geräte geben - sofern man sie überhaupt noch so nennen kann. Geräte, die auch Internet können. Alle Medien, klassische wie neue, müssen sich damit auseinandersetzen, dass der Nutzer direkter reagieren wird. Als Kommentator, als Käufer oder als jemand, der den Sender wechselt.

Frage: Stichwort „digital footprint“ und „unerwünschte Transparenz“: ethische versus unternehmerische Grundsätze. Wie vereinen sie diese und was raten Sie Ihren Kunden?

Wenn die ethischen Grundsätze den unternehmerischen Grundsätzen entgegenstehen, dann rate ich, das Unternehmen zu schließen und den Inhaber dem Staatsanwalt zu überführen. Ich habe eher wenig Verständnis dafür, dass Transparenz als unerwünscht betrachtet wird. Ich denke, dass ein Unternehmen besser geführt ist, wenn das Tun in ein ethisches System eingebunden ist. Und dabei gilt: Verkaufen ist nicht per se unethisch. Aber als Unternehmer sollte ich die Frage beantworten können, warum jemand bei mir diesen Bürostuhl kaufen sollte. Verkaufen kann ich nur durch das Gespräch, nicht durch Verschweigen.

Frage: Wie vereinen Sie Ihre Unternehmensziele mit den Zielen Ihrer Kunden?

Wir ermutigen unsere Kunden, unsere Erfahrung eines an Werten orientierten Handelns nachvollziehen zu können. Diese sind durch unsere Produkte repräsentiert und zusätzlich durch Beteiligungen und Sponsoringmaßnahmen wie Kunst privat! oder dem Biodiversitätsprojekt von BioFrankfurt.

Frage: Markt bedeutet heute oft, etwas zu verkaufen, was niemand braucht. Wie würden Sie den Begriff Markt gegenwärtig definieren?

Markt ist für mich ein Handelsplatz. Auf den Markt geht aber nur jemand, der etwas kaufen möchte. Unsere Möglichkeiten mit einfallsreich.tv gehen darüber hinaus. Wir informieren und unterhalten. Wir können auch Wissen vermitteln. Das wiederum kann Auswirkungen auf ein Marktgeschehen haben. Ich glaube, je mehr Wissen ein Konsument hat, umso eher kauft er nicht etwas, was er gar nicht braucht. Zumindest ist es schwieriger, ihn übers Ohr zu hauen.

Frage: Haben Sie eine Wunschzielgruppe?

Viele. Aber Scherz beiseite: Wenn ich Kunst-Filme mache, habe ich nicht den Kunstexperten im Kopf. Wenn ich Trainer-2.0- Filme mache, dann wünsche ich mir, dass der Unsportliche von seiner Couch aufsteht und seine Ziele zu entdecken sucht. Wenn ich bwzf-Autotest-Beiträge drehe, wünsche ich mir nicht technikversierte Menschen, sondern Pragmatiker, die nicht ideologisch mit dem Auto umgehen. Beim Wein wünsche ich mir, dass ein Mensch wie Du und Ich Lust bekommt, sich etwas zu gönnen, und dass nicht ein Expertengespräch unter Sommerliers ausbricht. Dem Blinden sollen die Augen geöffnet werden ,dem Lahmen zum Gehen verholfen werden. So einfach.

Frage: Verstehen Sie Ihre Beiträge auch als Möglichkeit, das Medium Internet für Nichtnutzer interessanter zu machen: quasi als Werbung für das Internet?

Nicht so wirklich. Ich denke, das Internet hat seine Aufgabe, aber auch seine Grenzen. Das führt wieder zur Frage: Was ist wichtig?

Frage: Welche sind Ihre größten Konkurrenten? Wie setzten Sie sich gegen diese durch?

Bei uns geht es klar in Richtung ethisch verantwortbares Handeln. Ansonsten bräuchten wir nur eine Sendung wie Naked News zu machen und im Abonnement zu verkaufen. Jeder von uns kennt das doch: Wir haben unsere Probleme und Aufgaben. Dann sehen wir was von den aidskranken Kindern in Afrika, und alles ist relativiert. Wenn in diesem Moment jemand die Frage stellt: Was ist wichtig? Denken wir wohl alle noch mal anders darüber nach. Viele Menschen haben irgendwann ihr Leben geändert. Sind aus dem empfundenen Trott ausgeschert und widmen sich fortan wichtigeren Dingen. Diese Frage müssen wir uns jeden Tag stellen. Und wir müssen uns weiterhin fragen: Was tragen wir dazu bei? Oder verschließen wir nur die Augen und versuchen in kurzer Zeit unseren Vorteil zu ziehen?

Meine größte Konkurrenz sind finanzierte Projekte, die wirklich wichtig sind. Vielleicht nicht unbedingt populär. Da werde ich dann richtig neidisch. Ein Problem habe ich auch mit wirklich sinnlosen Web-2.0-Sachen, die viel Geld zur Verfügung haben. Aber diese Allianzen gibt es immer. Bisher zum Beispiel ist mir noch keine Kunst-Sendung begegnet, wo ich wirklich sagen würde, ich packe ein, da dies nicht übertroffen werden kann. Und so geht es mir eigentlich mit allen Formaten.

Noch ein Problem habe ich übrigens mit der Finanzierung der Webaktivitäten der öffentlich-rechtlichen Sender. 30 Mio. Euro sind eine Menge Holz. Etwas mehr, als wir zur Verfügung haben. Und wenn ich dann von Politikern lese, dass sie dies wichtig finden, da für Sie alle privatfinanzierten Projekte moralisch fragwürdig sind, dann platzt mir schon mal der Kragen und ich spreche mit diesem Abgeordneten.

Frage: Die Frage, wieso viele Menschen soziale Netzwerke nutzen, ist nicht zu beantworten. Können Sie sie zumindest für einfallsreich.tv beantworten?

Wir werden mit einfallsreich.tv direkt mit dem Fernsehangebot verglichen. Und offensichtlich finden nicht alle dort eine Heimat. Da wir ja auch eine Nische darstellen, findet sich bei uns der Nutzer vielleicht auch mit seinem Anspruch ernster genommen, als in einem für den Durchschnitt tauglichen Angebotes.

Frage:Was reizt Sie persönlich am Internet-TV?

Schon als Kind wollte ich einen eigenen Fernsehsender haben. Mir macht es Spaß, selbst Themen in die Welt zu setzen.