Vortrag, gehalten am 7. Januar 2007 in der katholischen Pfarrkirche St. Hedwig, Koblenz-Karthause, anläßlich der Eröffnung der Ausstellung “so geht katholisch”.
Als ich begann, mich auf meinen kleinen Input heute vorzubereiten, viel mir mit Schrecken auf, dass ich ohne Beamerunterstützung werde vortragen müssen. Diese auf eine Leinwand projizierten Powerpointpräsentationen, ohne die heutzutage im Geschäftsleben, wo ich mich meist bewege, und darüber hinaus, kein Vortrag mehr läuft. Es ist heute für mich das erste Mal seit 12 Jahren, dass ich ohne Folienunterstützung vor einer größeren Gruppe rede.
Wenn man einmal davon absieht, dass diese medial unterstützte Form des Vortragens auch dazu dient, die Blicke der Zuhörer und gleichzeitig auch Zuschauer vom Redner abzulenken, und wenn man weiterhin davon absieht, dass die visuelle Komponente ein didaktisches Mittel ist, die Aufnahme des Gesagten zu erleichtern, mag man unterstellen, dass ich wohl der Wirkung meiner eigenen Worte nicht so recht traue und sie deshalb mit technischen Hilfsmittelns zu verstärken suche. - Vielleicht ist es aber auch so, dass wir in einer sehr stark visuell geprägten Welt leben, in der optische Reize notwendig sind, um Aufmerksamkeit zu gewinnen.
Wir müssen diese Beobachtung nicht auf optische Reize beschränken, insgesamt können wir doch feststellen, dass wir ständig starken äußeren Reizen ausgesetzt sind. Ständig und überall wird versucht, unsere Aufmerksamkeit zu gewinnen. - Laut, grell, bunt, auffällig, plakativ.
Auf was genau sollen wir aufmerksam werden? Auf alles mögliche und unmögliche. Wir bewegen uns sehr schnell – in allen Lebenslagen: mit Autos, Zügen, Flugzeugen. Die Außenwelt rauscht an uns vorbei. Informationsmedien wirken mit ständig neuem Input auf uns ein: Fernsehen, Radio, Internet. Was müssen wir alles verarbeiten? Wir können gar nicht alles aufnehmen, wir filtern stattdessen. Was kommt noch an uns heran? Was können wir verarbeiten?
Ich habe versucht, Sie abzulenken, dabei bin ich mitten im Thema. Wir sind hier in einer katholischen Kirche und schauen uns eine Ausstellung an, die erklären will, was hier in dieser Kirche stattfindet. Warum es bestimmte Ausstattungselemente gibt, und wie man sich verhält.
Ich darf annehmen, dass die meisten der Anwesenden sich öfter in Kirchen aufhalten. Sie werden also vertraut sein mit den Ausstattungselementen und mit den Riten.
Sie werden überrascht sein, aber als die Verantwortlichen im Bistum Limburg uns gegenüber ihre Ziele mit diesem Ausstellungsprojekt vorstellten, hatten sie die Kirchgänger bewusst mit im Blick. Die Verantwortlichen in Limburg teilten mit uns die Auffassung, dass auch kirchennahen Menschen die Bedeutung von Ausstattungsmerkmalen und von dem Ritus zugeordneten Verhaltensformen nicht mehr in vollem Umfange bekannt ist. Auch für sie ist diese Ausstellung daher interessant und hilfreich.
Und natürlich auch für andere. Die Kirchen beklagen seit Jahrzehnten den Mitgliederschwund sowie den Rückgang der Zahl der Gottesdienstbesucher. Die Kirchen leeren sich. Besser gesagt: sie leerten sich. Sie sind nämlich bereits leer.
Man kann das als Problem sehen, getreu dem Motto: früher war alles besser, und die Kirchen waren voll. Man kann die Keule herausholen und draufschlagen: Verfall der Sitten, gottlose Welt, und die Rückkehr zu den alten Werten fordern. Man kann aber auch feststellen, dass die Welt ist wie sie ist. Ständig sich verändernd. Und wir ändern uns mit. Und wir, das ist auch die Kirche. Kein Grund zur Panik also, vielmehr eine Anregung, genau hin zuschauen.
Jüngst – nämlich vor zwei Jahren – hat die Deutsche Bischofskonferenz ein Marktforschungsinstitut beauftragt, die religiösen und kirchlichen Orientierungen der Menschen dieses Landes zu untersuchen. Dieses Institut hat festgestellt – was die Wenigsten wirklich überrascht hat – , dass die Kirche mit ihren Aktivitäten und Erscheinungsformen von den meisten Menschen schlicht und einfach nicht mehr wahrgenommen wird. Dass, was Kirche anbietet, und wie sie es anbietet, hat sich entfernt von dem, was Menschen suchen und wie sie es suchen.
Nach dem Sinn des Lebens suchen wahrscheinlich alle - auf ihre jeweilige Weise. Aber wo können sie suchen? Die erwähnte Studie hat festgestellt, dass immer mehr Menschen immer weniger wissen über Kirche und Religion. Wie sollen sie also die Kirche als ihren Ort für ihre Sinnsuche entdecken können?
Andererseits erleben wir gerade in größeren und großen Städten, dass sich Kirchen wieder füllen. In Limburg ist es so, dass die Stadt pro Jahr ca. eine halbe Millionen Besucher zählt. Sie kommen wegen der Zuckerbäcker-Altstadt, die meisten gelangen bis zum Dom, viele in ihn hinein. Sie gehen hinein, weil der Dom ein historisch und architektonisch herausragendes Gebäude ist, der Zugang ist kostenfrei. Wobei – auch vor der Kathedrale von Sevilla bilden sich täglich Besucherschlangen, obwohl der Eintritt sieben Euro beträgt. In anderen Städten ist es genauso wie in Limburg. Wiesbaden, Frankfurt, Koblenz. Denken Sie an den Kölner Dom. Dort, wo offene Kirchen an zugänglichen Orten stehen. Sogar in einer Kleinstadt wie Montabaur oder Hofheim am Taunus.
Die Menschen gehen also hinein in die Kirchen. Sie sind da. Das war der Ansatzpunkt für „so geht katholisch“. Die Menschen sind da, sehen das, was sich in einer Kirche befindet und fragen sich, was sich hier abspielt; sie erinnern sich vielleicht an Zeiten, in denen sie selbst noch am kirchlichen Leben teilnahmen. „so geht katholisch“ will zeigen und erklären: Warum kniet man beim Beten? Warum steht man beim Evangelium und sitzt bei der Lesung? Was bedeutet das Weihwasserbecken am Eingang? Wozu brennt ständig ein Licht im Altarraum?
Fragen, deren Antworten nicht alleine eine technische Auskunft geben, sondern die dem Fragenden die Kirche als Ort anbieten, sich mit seinen Fragen auseinander zu setzen. Die Ausstellung will dies auf eine zurückhaltende Weise leisten. Zurückhaltend auf zweierlei Weise. Zum einen ist sie so konzipiert, dass die Themen sehr leicht aufzunehmen sind. Zwanglos gewissermaßen. Während der Annäherung an eine Stellwand wird das Thema schon erfasst. Der Text ist kurz und leicht zu verstehen, die Silhouette intuitiv erfassbar. Man muss also nicht nahe herantreten, wie im Museum, und sich den Hals verrenken und die Lesebrille hervorkramen. Wer mehr lesen will, nimmt sich das Infoblatt aus dem Fach am Display und kann dieses auch mitnehmen.
Es ist auch jedem Besucher selbst überlassen, wie intensiv er einsteigt. Man muss nicht jedes Objekt anschauen, jedes Thema behandeln. Jeder so, wie er mag.Insgesamt behandelt die Ausstellung neun Themen, ein zehntes Objekt enthält quasi als Einführung eine Übersicht, deshalb steht dieses Objekt am Eingang. Die Texte sind für jeden Besucher zum Mitnehmen da. Sie können an jedem Display genommen werden, am Eingang liegt eine eigene Mappe bereit. Die figurative Form der Elemente ist ein ganz wichtiges Moment: Die menschliche Silhouette veranschaulicht das Gemeinte unmittelbar. Didaktisch gesehen wird die sinnliche vor der sprachlichen Vermittlungsebene angesprochen.
Die Ausstellung hat nicht den Anspruch, den katholischen Glauben zu erklären, sie will nicht eine Visualisierung des Katechismus sein, sie will kein Kirchenführer sein. Die Initiatoren sind weitaus bescheidener. Ihnen reicht es, wenn diese Ausstellung den Besuchern die Hand reicht und ihnen auf zurückhaltende Weise zu verstehen hilft, was das, was in dieser Kirche stattfindet, mit ihnen selbst zu tun haben kann.
Die Ausstellung kommt in katholischen Kirchen zum Einsatz. Geweihte katholische Kirchen sind sakrale Räume. Die Ausstellung muss ihrer Würde Rechnung tragen. Wir haben uns besonders bemüht, diese Anforderung ins Zentrum der technischen Umsetzung zu setzen.Durch die Transparenz: sie integriert die Ausstellung dezent und ästhetisch in den Raum. Durch die dezente und edel anmutende Beleuchtung mit LED’s – übrigens ein technisches Novum auf diesem Gebiet.
Weiterhin muss diese Ausstellung sich ganz praktisch für eine Verwendung im Kirchenraum eignen. Kirchen sind oft historische Gebäude. Die Böden sind schief und uneben, deshalb wurden die Füße eigens für eine optimale Fixierung auf unebenen Böden konstruiert. Weil die Steckdosen fehlen und Stromkabel Stolperfallen sind, erfolgt die Stromversorgung über Akkus – ebenfalls ein Novum.
Die Ausstellung wurde anlässlich des Hessentages im Juni 2005 produziert. Sie ist seitdem ständig in den verschiedenen Kirchen des Bistums Limburg unterwegs. Sie wurde schon in Berlin – und auf dem Katholikentag in Saarbrücken vorgestellt, - außerdem in Speyer und Magdeburg gezeigt. Das Interesse ist gewaltig. Jetzt ist die Ausstellung hier bei Ihnen in Koblenz.
Sie ist tatsächlich ein Unikat, ein Unikum. Warum eigentlich? Die Tatsache, dass diese Ausstellung – gerade kirchenintern – so viel Beachtung findet, schmeichelt natürlich denjenigen, die sie entwickelt haben. Sie zeigt aber auch, dass eine derartige Form der Präsentation ungewöhnlich ist. Aber der Wunsch nach ungewöhnlichen Aktions- und Präsentationsformen ist groß. Kirche hat da in der Tat ein gewaltiges Nachholpotenzial.
Nach wie vor konzentriert sich kirchliche Artikulation auf kopierte Handzettel, handgemalte Plakate und Neuland-Präsentationswände. Obwohl ökologisch korrekt, nicht der Bringer. Kirche muss sich verständlich machen, muss sich bemerkbar machen, um im Konzert der Sinnstiftungsangebote wahrgenommen zu werden. Kirche konkurriert in der medial vermittelten Öffentlichkeit mit allem, was laut und grell ist, mit allem was redet, schreit, schreibt, flimmert, rauscht. Und das, was uns allen um die Ohren fliegt und vor die Augen kommt, ist in den letzten Jahren und Jahrzehnten verdammt viel geworden. Will Kirche wahrgenommen werden, muss sie sich auf eine Weise artikulieren, die den Menschen möglich ist; die ihren Aufnahmegewohnheiten entspricht.
Die Kommunikationstheorie weiß schon lange, dass es bei einer gelungenen Kommunikation darauf ankommt, dass die Nachricht beim Empfänger ankommt. Gut gemeint ist das Gegenteil von gut. Gut zu kommunizieren heißt für eine Institution professionell zu kommunizieren. Deshalb tauchen in den kirchlichen Mitarbeiterstäben zunehmend Kommunikationsprofis auf: Journalisten, Medienprofis, Kommunikationswissenschaftler.Deshalb arbeitet die Kirche auch zunehmend mit externen Kommunikationsprofis, wie im Falle der Ausstellung „so geht katholisch“.
Man mag das als überflüssig ansehen wollen und sagen: die Kirche braucht theologisch geschulte Seelsorger und keine Marketingfuzzis. Man mag befürchten, dass das „Eigentliche“ verloren gehen könnte. Kirche kennt diese Auseinandersetzungen. Die Auseinandersetzungen werden weiterhin geführt werden. In der Zwischenzeit erreichen kirchliche Kommunikationsangebote auch solche Kreise, von denen man nicht glaubt, dass sie daran Interesse haben könnten. Wir haben die Ausstellung „so geht katholisch“ im letzten Jahr zu einem bedeutenden internationalen Designwettbewerb angemeldet. Stellen Sie sich vor, wir haben ihn gewonnen. „so geht katholisch“ hat den iF communication design award 2006 in Gold gewonnen.
Die Jury, eine Gruppe hervorragender Industrie- und Kommunikationsdesigner aus aller Welt, denen man als Gestalter der kommerzialisierten Welt gemeinhin keine besondere Nähe zu Kirche und Glauben unterstellt, haben sich wie folgt geäußert. Zitat:
“Eine Ausstellung, die sehr sensibel die Fragen zu Verhaltensformen katholischer Kirchenbesucher beantwortet, und die sich auf sehr respektvolle Art und Weise an die meist diskutiertsten Fragen unserer Zeit wendet: Wie lebe ich innerhalb einer Religion, wie in Gemeinschaft mit anderen. Das Projekt kommt uns vor wie ein Engel. Es wirbt und hilft Verständnis zu schaffen, und dass auf unaufgeregte und sensible Art.” Zitatende. Vortragende.